Dorffest

ABGESAGT: Das Dorffest findet nicht statt.

Tiengen folgt auf St. Georgen, Pfaffenweiler, usw.

Und warum?
Die Veranstalter, hier federführend der Ortsvorsteher, fanden nicht genügend freiwillige Helfer:innen, um den Vereinen beizustehen das Dorffest zu „stemmen“. Dafür möchte ich mich entschuldigen.

Haben wir den Zeitgeist übersehen?

Die Organisatoren des Dorffestes fragten sich ironisch ob wir in Tiengen das erste Online-Dorffest gestalten sollten. Jeder sitzt auf seinem Balkon, seiner Terrasse, oder in seiner Wohnung und ist online dabei. Zeigt seinen „High End“-Grill, am besten ohne Auflage, um der Fleisch- vs. Veggi-Diskussion aus dem Weg zu gehen. Man erfährt wie breit die Getränkevariation in Tiengen aufgestellt sind. Ein Biertrinkerdorf im badischen Weinland zu werden wäre ein weiteres Aha-Erlebnis.
Das ist der Job der Generation Z.

Die Veränderung der Gesellschaft hat auch Tiengen erreicht. Ist unsere „dörfliche Gemeinschaft“ in einer Phase der Verabschiedung? Wo sind die Unterstützer der Vereine die das Fest ermöglichten sollten?

Die „alten“ kameradschaftlichen Vereinsgemeinschaften gehören der Vergangenheit an.
Ist die Individualität jedes Einzelnen mehr wert als eine Vereinsgemeinschaft?

Es wird eine Herausforderung für alle Vereine werden sich zum wirtschaftlichen Verein zu verändern. Als Folge müssten Leistungen und Angebote monetär ausgeglichen werden. Beitragserhöhungen wären unumgänglich da Übungsleiter:innen und Helfer:innen bezahlt werden müssten. Die Vereinsfeste haben diese „Finanzlücke“ bis 2018 kompensieren können. 2018 fand das letzte Dorffest in Tiengen statt, zumindest in den Entengassen.

Wir erinnern uns:
In den letzten Dekaden hat sich der über 100 Jahre alte Männergesangsverein aufgelöst. Die Narrenzunft Tiengener Erdmännle ruht seit Jahren, und auch der Fortbestand unseres Altenwerks steht zur Disposition. Es findet sich niemand mehr für das sogenannte „Ehrenamt“ oder das bürgerliche Engagement für ein intaktes dörfliches Vereinsleben.
Gab es da nicht einmal eine Initiative, die den dörflichen Charakter sichern wollte?
Zwar wollen alle feiern und sind gern dabei, aber wer macht das möglich?
Ich nicht!  Ich steh doch nicht bis in die Nacht in der Küche … Nein danke. Service und bedienen? Das tue ich mir nicht an.“ Alles verständlich?

Unsere Gesellschaft hat sich verändert, das haben wir leider erst mit der Pandemie realisiert. Die Hipster mit ihrem Notebook am Beach glaubten die Wirtschaft so organisieren zu können. Gemessen wurde an messbaren Verkaufszahlen und man folgte den Beratern, bzw. den Zahlen des DAX. Viele betriebliche und/oder Verwaltungsaufgaben auszulagern (outzusourcen!) war und ist gang und gäbe.
Die Kontrolle entfiel, die Zusammenhänge sind nicht kurzfristig erkennbar.
Wurden unsere systemrelevanten Dienstleister vergessen?

Das relevante System sollte so kostengünstig wie möglich heruntergefahren werden um die Republik billig zu versorgen. Die Richtlinie lautete, die Werte der „einfachen Arbeit“ bzw. der Dienste an der Gesellschaft als Minijob zu deklarieren. Ich denke da an die Menschen, die Toilettenpapierrollen, Pasta, und andere Vorräte in den Lebensmittelmärkten nachgefüllt haben, weil die Regale Tag für Tag in Panik leergeräumt wurden. (Siehe Foto Edeka 2020 im Dorfblättle) Man begleitete von Balkonen aus das Pflegepersonal mit Applaus. Aber was hat sich bei deren Job oder Gehalt verändert?

Der Spiegel titelte im letzten Monat: „Wo sind Sie geblieben?“.
Ich denke auch an die Gastronomie und erinnere mich an den Schlager von Marlene Dietrich: „Sag mir wo die Blumen sind“… „Sag mir wo die Mädchen sind“… „Sag mir wo die Männer sind“… Wo sind sie geblieben?

Diese Berufe sind die Träger unseres Systems und werden nach wie vor schlecht bezahlt und wenig respektiert.

Neulich sprach ich auf dem Münsterplatz mit Studierenden, die mich aufklärten.
Eine junge Frau: „Nach der Pandemie habe ich mich entschieden nur noch zwei Tage in der Woche im Service zu arbeiten. Zwei Tage bin ich im Home Office und mache als Influencerin weiter. Meine ‚Likes‘ und Besucherzahlen steigen wöchentlich. Den fünften Tag brauche ich für meine private Work-Life Balance, Samstag und Sonntag gehören mir und meinem Partner.

Ein junger Mann engagiert sich bei „Friday for Future“, will das Klima retten, fliegt aber in den Urlaub. Einen Job braucht er nicht. Ich fragte ihn, ob er als Ferienjobber einer Installationsfirma helfen würde Solar-Panele auf einem Dach installieren (hochhieven), damit er evtl. sagen könne, dass er an der Klimarettung „aktiv beteiligt“ war. Die Gruppe lachte schallend. Lag es an meiner Bemerkung, oder daran, dass sie wussten, dass der angehende Psychologe zwei linke Hände hat?
Der junge Mann weiter: „Am Wochenende habe ich frei.

Das Fazit zu den Aussagen, dass das Wochenende frei bzw. für den „Partner“ reserviert bleibt, überlasse ich Ihrer Fantasie. Partner kann heute alles bedeuten: Nicht nur Mensch, sondern auch Hund, Katze oder Pferd. Alles ist denkbar.

Bereits in den 1980iger Jahren hat F. Bergmann in den Vereinigten Staaten darauf hingewiesen, dass es einen Wandel geben würde und wird. Sinn, Kreativität, Eigenverantwortung und Entfaltung der eigenen Person, ebenso wie das körperliche Wohlbefinden könnten die neuen Anforderungen an die Firmen werden. Nach der Pandemie ist es jetzt so weit. Ob wir auf diese Weise unseren nach 1945 erarbeiteten Wohlstand erhalten können wird sich zeigen. Der Samstag als Arbeitstag wurde erst Ende der 1960iger Jahre abgeschafft. In der Urproduktion, der Landwirtschaft, jedoch nie. Die erste Stufe der Veredelung landwirtschaftlicher Erzeugnisse arbeitet auch heute noch in 3 Schichten an 7 Tagen in der Woche, so zum Beispiel die Milchwirtschaft.

Unser heutiger Wohlstand wurde durch unsere Großeltern und Eltern ermöglicht, die nach 1950 für das sogenannte „Wirtschaftswunder“ sorgten – auf Baustellen, am Fließband, in der Landwirtschaft und mit Dienstleistungen wie in Altenheimen, Handel, Krankenhäusern, Landwirtschaft und Verwaltungen. Alle diese Arbeiten sind nur durch Präsenz möglich. Zugegeben, am Smartphone kann man vieles erledigen. Auch im Home Office ist vieles möglich, doch die Zeit ist eine Konstante die weiter durchläuft, ganz gleich, ob wir alles geschafft haben oder nicht.

Der Traum der heutigen Hipster-Generation – das Büro im Smartphone – liegt unter einem Prozent der Wirtschaftsleistung. Vereinzelt wurde bereits von nutzlosen Oberflächenvergrößerern oder Bullshit-Jobs gesprochen. Die nun erwachsen werdende Generation Z gab ein Statement ab: 53 % unter ihnen ist die Freizeit wichtiger als die Arbeitszeit. Das gibt Anlass zur Hoffnung, dass man im Ehrenamt doch wieder einen erfüllenden Ausgleich findet und das Dorffest ab 2025 eine Renaissance erleben darf. Eine neue Form für ein Gemeinschaftsfest 2.0 könnte entstehen. Wir erinnern uns an den B-Z Artikel, dass man sich bereits über neue Konzepte Gedanken macht. Gut so!

Denken wir an die Zukunft! Feiern wir mal wieder gemeinsam (?) das Erntedankfest nach dem von Pfarrerin Jakob gestalteten Gottesdienst.

Die Schulsommerferien sind bald vorbei.
Genießen wir alle unsere freien Wochenenden mit privaten Festen.

Herzlichen Dank.